Jüdischer Friedhof in Mikulov
Die Anfänge der jüdischen Besiedlung in Mikulov reichen bis in das 14./15. Jahrhundert zurück. Diese Tatsache hat geschichtliche Gründe - Mikulov war die der Hauptstadt- und Residenzstadt am nächsten liegende Stadt, in welche sich die in den Jahren 1421 und 1670 aus Wien und Niederösterreich vertriebenen Juden begeben konnten. Die gute strategische Lage des Ortes auf dem Handelsweg von Wien nach Brno und die der Religionsgemeinschaft entgegenkommende Einstellung der Herrschaft ermöglichte den schnellen Aufschwung der Judengemeinde. Diese entwickelte sich zur größten Südmährens, welche drei Jahrhunderte lang - von der Mitte des 16. Jahrhunderts an bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts - rechtens ein politisches, religiöses und kulturelles Zentrum der mährischen Juden mit dem Landesrabbiner von Mähren an der Spitze darstellte. Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Judengemeinde Mikulov eine eigene gewählte Selbstverwaltung und einen Richter. In Mikulov gab es auch eine Talmudschule (Jeshiwa) von europäischer Bedeutung. Die Juden zeichneten sich durch gut geführten Handel und Handwerksgeschick aus. In ihrem Viertel hatten sie eigene Schulen, Geschäfte, Bäder, Bethäuser und auch einen Friedhof.
Viele Generationen der hiesigen Juden beendeten ihre irdische Wanderung auf diesem Gottesacker. Der Friedhof wurde spätestens in der Mitte des 15. Jahrhunderts angelegt. Er wurde mehrmals erweitert, damit man Platz für alle Verstorbenen fand. Trotzdem war es wegen Platzmangels nötig, Verstorbene in Schichten übereinander zu beerdigen. Jetzt nimmt der Friedhof eine Fläche von fast zwei Hektar ein.
Der jüdische Friedhof von Mikulov ist eine besonders hochwertige Friedhofsanlage mit etwa 4.000 Renaissance-, Barock und Klassizismusgrabsteinen, deren gestalterische Ausführung und Ornamentik zum Vorbild für weitere südmährische jüdische Friedhöfe wurden. Die älteste erhaltene lesbare Grabplatte datiert aus dem Jahr 1605.

Die interessantesten Grabsteine stammen aus dem 17. Jahrhundert. Es sind rechteckige oder quadratische Stelen mit Pilasterpaaren, welche die Inschriften umsäumen, und mit Reliefverzierungen. An den Grabsteinen aus dem 18. Jahrhundert erkennt man oft Elemente der mährischen Volkskunst, wie Herzchen, Rosen, Tulpen. Andere Grabsteine wurden mit dem Muschelmotiv, welches als dekoratives Element für Mikulov typisch ist, verziert. Die neueren Grabsteine aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ähneln schon den christlichen.
Der wertvollste Teil der Gräberanlage ist der so genannte Rabbinerhügel, auf welchem berühmte, mährische Landesrabbiner, wie Menachem Mendl Krochmal (gestorben 1637), Šemuel Šmelke Horovic (gest. 1778), (in Österreich Samuel Herschel Lewi genannt), und Mordechai Benet (gest. 1829).


Diese Begräbnisstätte ist und war ein Ziel von Pilgern aus aller Welt. Ein weiterer Bestandteil der Friedhofsanlage ist ein Denkmal für die 25 im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden und ein Denkmal zur Erinnerung an 21 jüdische Gefangene aus Ungarn, welche zu Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden.
Die höheren Ansprüche, die man im Laufe der Zeit an das Ritual des Abschiedes von den Verstorbenen stellte, führten die Judengemeinde zur Errichtung einer großräumigen Leichenhalle. Sie wurde nach Plänen des Architekten Max Fleischer (1841-1905) im eklektischen Baustil erbaut. Fleischer war ein bedeutender mährisch-jüdischer Architekt, der auf dem Gebiet der österreichischen Monarchie, aber vor allem auch in Wien als Erbauer von zahlreichen Synagogen wirkte.
Der Zweite Weltkrieg beendete die Geschichte der Nikolsburger Judengemeinde dramatisch, und auf dem Friedhof wurden keine Verstorbenen mehr bestattet. In der Leichenhalle lagerte man jahrelang Baumaterial. Die jüdische Gemeinde Brno - Besitzerin des Friedhofs - führte in den Jahren 2000-2006 eine umfangreiche Erneuerung der Leichenhalle durch. Heute dient sie Ausstellungszwecken.

An der Front des Gebäudes wurde im Mai 2009 eine Gedenktafel aus Bronze, ein Werk des akademischen Bildhauers Nikos Armutidis, enthüllt. Sie ist Jehuda Löw ben Becalel (um 1525-1609) gewidmet, welcher in den Jahren 1553 bis1573 in Mikulov als Landesrabbiner von Mähren wirkte. Dieser weltbekannte Denker ist der Öffentlichkeit eher als berühmter Rabbi Löw bekannt, und sein Todestag wurde im Jahre 2009 anlässlich seiner vierhundertsten Wiederkehr in die Weltkulturjubiläen der UNESCO aufgenommen.
Der Verein der Freunde jüdischer Kultur in Mikulov gestaltete in Zusammenarbeit mit der Judengemeinde Brno in der Leichenhalle eine Ausstellung, welche der Geschichte der Gräberanlage und der Überlieferungen des jüdischen Bestattungsritus gewidmet ist. Die Ausstellung interpretiert die Auffassung dieses Ritus und gibt dem Besucher eine Vorstellung darüber auch durch Exemplare eines männlichen und weiblichen Leichengewandes sowie durch einen äußerst kostbaren und sehr gut erhaltenen Bestattungswagen. Die Ausstellung legt die Bedeutung der Begräbnisbrüderschaft dar, beschreibt den Friedhof und erläutert die Symbolik der Verzierung von Grabsteinen. Für einen Besucher ist diese Ausstellung ein zusätzlicher Bonus, weil "das Hauptexponat" der jüdische Friedhof selbst ist. Dieser wird als bedeutendes Kulturdenkmal geschützt und gehört außerdem zu den größten Friedhöfen in der Tschechischen Republik. Durch seine Bedeutung ist er der wichtigste jüdische Friedhof in Mähren.

Plan des jüdischen Friedhofs in Mikulov

BESICHTIGUNG DES JÜDISCHEN FRIEDHOFS IN MIKULOV
Den Besucherverkehr organisiert der Verein der Freunde jüdischer Kultur in Mikulov.
• Für die Öffentlichkeit ist der Friedhof im Juli und August täglich von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 18 Uhr zugänglich, auf Wunsch mit einem sachkundigen und deutsch sprechenden Führer.
• Zu anderen Zeiten kann man nach vorheriger Absprache im Touristischen Infozentrum, in der Reiseagentur Merlin oder in der Synagoge gegen einen Einsatz die Schlüssel zum Areal leihen.
• Zu der Zeit, zu welcher diese Stellen geschlossen sind: kann man Eintritt und Besichtigung für eine Gebühr von 500 CZK bei den Vereinsmitgliedern unter der Telefonnummer +420 731 484 464 bestellen.

Touristisches Informationszentrum Mikulov
Námìstí 1, CZ-69201 Mikulov
Tel.: +420 519 510 855
E-Mail: tic@mikulov.cz, info@infomikulov.cz
http://www.mikulov.cz, www.mikulovskoreion.cz

Reiseagentur Merlin
Kostelní námìstí 2, CZ-69201 Mikulov
Tel.: +420 519 510 388
E-Mail: info@ckmerlin.cz

Synagoge (Husova-Straße)
Regionalmuseum Mikulov
Zámek 1, CZ-69215 Mikulov
Tel.: +420 519 309 019
E-Mail: rmm@rmm.cz
http://www.rmm.cz

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© Regionální muzeum v Mikulovì 2008